Meine Stadt auf Яussisch
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автордың кітабын онлайн тегін оқу  Meine Stadt auf Яussisch

Valeria Fedchenko

Meine Stadt auf Яussisch

Schriftart «ParaType»


Übersetzer Rupert Ossweil

Korrektor Rupert Ossweil




Wie gelingt es, die eigene kulturelle Identität nicht zu verlieren und sich in fremden Kulturen dennoch wohl zu fühlen? Welches Abenteuer kann die Gründung


Inhaltsverzeichnis

MEINE STADT
AUF ЯUSSISCH

Aus dem Russischen übersetzt

von Rupert Ossweil

Ludwigsburg

2021

Inhalt

Kapitel 1

August 2019

Deutschland, Ludwigsburg, Marktplatz

Kapitel 2

Januar 2020

Deutschland, Ludwigsburg, Rathaus

Kapitel 3

Januar 2020

Deutschland, Ludwigsburg, Marstall

Kapitel 4

Herbst 2005

Deutschland, Ludwigsburg, Volkshochschule

Kapitel 5

Februar 2019

Deutschland, Monte Scherbelino bei Stuttgart

Kapitel 6

Winter 2005–2006

Ein kleines Dorf am Bodensee

Kapitel 7

Winter 2005–2006

Deutschland, ein altes kleines Haus nahe Ludwigsburg

Kapitel 8

Herbst 2006

Deutschland, Marbach

Freundschaft mit Anita aus Bosnien

Kapitel 9

Januar 2008, Russland, Smolensk

Anton Denisjenko. Zwanzig Jahre danach

Kapitel 10

11. März 2009

Deutschland, Winnenden unweit von Stuttgart

Tim Kretschmer

Kapitel 11

Herbst 2009, Deutschland

Russisch für Tochter Katharina

Kapitel 12

1978–1988

Sowjetunion, ein Städtchen nahe Kaluga

Meine Liebe zum Russischen und zur Literatur

Kapitel 13

Herbst 2009

Der Name für die russische Schule

Kapitel 14

Herbst 2009

Deutschland, Marbach

Die ersten Klienten

Kapitel 15

Winter 2010

Umzug nach Ludwigsburg

Kapitel 16

August 2011

Die Gruppe «Mama und Kind»

Kapitel 17

Schuljahr 2011–2012

Übergesiedelte Mütter

Kapitel 18

Winter 2012, Ludwigsburg

Artikel der «Ludwigsburger Kreiszeitung»

Kapitel 19

Winter 2012

Marika

Kapitel 20

Frühjahr 2012

Ein unruhiger Nachbar

Kapitel 21

Frühjahr 2012

Die Rache des Nachbarn: Wir sind eine illegale Kindergartengruppe

Kapitel 22

August 2013

Flug Moskau — Frankfurt — Stuttgart; Ludwigsburg

Der verschwundene rosa Koffer

Kapitel 23

August 2013

Deutschland, Ludwigsburg

Ein Interview mit der Smolensker Zeitung «Gorod» (,Die Stadt»)

Kapitel 24

Polizei

Kapitel 25

Wie wir uns vergrößerten

Rechtsanwalt Stein

Wie wir uns vergrößerten

Kapitel 26

August 2017

Die Schule zieht um

Kapitel 27

2017. Ludwigsburg, Sonntag, spätabends

Valentina

Kapitel 28

2018, Ludwigsburg

Chila. Wenn du fest an dein Kind glaubst

Kapitel 29

Valeria

Kapitel 30

Die Zahlungsmoral der Russen

Kapitel 31

Warteraum in der Schule

Marina

Kapitel 32

Die einfach Verschwundenen

Kapitel 33

Januar 2019

Marbach, Schillers Geburtshaus

Kapitel 34

2018. Alina

Kapitel 35

Februar 2019

Marbach, Ausflug zum Schiller-Geburtshaus (Teil 2)

Kapitel 36

Juli 2019

Deutschland, Ludwigsburg, Café beim Brunnen

Melina, Marina und Christian

Kapitel 37

August 2019. Ludwigsburg

Ljuba Kraft: eine Wiederbegegnung nach vierzehn Jahren

Kapitel 38

Herbst 2019

Ludwigsburg, Kulturzentrum

Kapitel 39

Frühherbst 2019

Ludwigsburg

Karin

Kapitel 40

Dima

Kapitel 41

Jelena. Neun Jahre später

Kapitel 42

8. März 2020

Ludwigsburg, die Räume der russischen Schule

«Russisches Frühstück»

Kapitel 43

10. März 2020

Ludwigsburg. Markt 8 (Haus der evanglischen Kirche)

Kapitel 44

15. März 2020

Ludwigsburg. Der Beginn der Pandemie

Briefe an die Schülereltern

Kapitel 44

15. März 2020

Ludwigsburg. Der Beginn der Pandemie

Briefe an die Schülereltern

Kapitel 45

17. Juni 2020

Deutschland, Ludwigsburg, Marktplatz

Kapitel 46

Ein Brief an den Oberbürgermeister

Kapitel 47

31. Juli 2020

Ludwigsburg

Bildungszentrum «Katharina»

Epilog

Deutschland, Ludwigsburg

Ein Jahr später — 2021

Gewidmet dem zehnjährigen Bestehen der russischen Schule in Ludwigsburg

Allen Eltern und Schülern, die ich das Glück hatte kennenzulernen.


Meinen Töchtern Katharina und Julia.


Geschrieben für die Frauen und Mädchen, die sich danach sehnen,

ihr Heimatland zu verlassen, um ein besseres Leben zu suchen.


Geschrieben für alle, die sich für andere Kulturen

und Länder interessieren.

Kapitel 1

August 2019

Deutschland, Ludwigsburg, Marktplatz

Zwei Kirchen — eine größere, die evangelische, und eine kleinere, die katholische — ragen einander gegenüber und schauen schweigend auf das Treiben am Fuß ihrer Mauern. Ein Treiben, das im Vergleich zu anderen Tagen, wenn hier der Wochenmarkt oder ein Konzert stattfindet, heute nicht sehr lebhaft ist.

Ein paar Kinder rennen den Tauben nach; müdegejagt, sehen einige Vögel, einträchtig aufgereiht auf dem Sims eines Hauses, von oben zu.

Auf dem Platz halten Leute, sich in den Schatten der mächtigen Kirchenmauern bergend, Rast auf Stühlen. Die Stadt hat vorausschauend Sorge getragen, dass die Stühle nicht etwa festgeschraubt sind — so können die Einwohner sie, dem Lauf der Sonne folgend, ins Schattige rücken.

Andere haben sich in den kleinen Cafés und Restaurants niedergelassen, die um den ganzen weiten Platz herum verteilt sind, und schlürfen gemächlich leichte alkoholische Getränke — den hellgelb-klaren «Hugo» mit Minzeblättern oder den rötlichen Aperol mit Eiswürfeln. Sie essen eine Pizza oder löffeln ein Eis, in leisem Gespräch.

Viele, so ist zu spüren, genießen die letzten warmen Tage des Sommers.

Für mich ist es schon mehr der Herbst — allmählich sickert er von überall her ein. Er ist in der warmen Luft. Ist in dem gelben Blatt, das da von irgendwoher angeflattert kommt. Auf den dunkler gewordenen Blättchen der Pflanzen in den riesigen Töpfen rund um den Marktbrunnen in der Mitte des Platzes.

Meine Mädchen und ich überqueren den Platz in der Hoffnung, ein freies Tischchen draußen vor unserem Lieblingscafé zu finden, dessen italienischer Name, «Baci», auf Deutsch „Kuss“ bedeutet. Wir haben Glück; die Mädchen machen sich’s auf dem Lederbänkle bequem, das dicht vor den hohen Fenstern des Cafés steht; ich auf einem Stuhl. Das niedrige Tischchen reicht mir gerade bis zu den Knien.

Diesen Platz vor den Café-Fenstern liebe ich noch mehr, wenn ich ohne die Kinder komme. Er bietet Schutz: hinter dir die Fensterscheibe, vor dir die Säulen der Arkaden. Dabei siehst du alle, die an den Tischchen sitzen. Mit den Mädchen setze ich mich lieber an die gewöhnlichen etwas höheren runden Tische, aus Sorge, dass ihnen an den niedrigen Tischchen das Eis auf die Knie kleckert.

Es sind sehr viele Besucher da, doch die Kellnerinnen lassen es sich nicht nehmen, uns als alten Bekannten freundlich zuzunicken, während sie sich flink von Tisch zu Tisch bewegen. Eine von ihnen, die Besitzerin selbst, Angelina, ist eine schöne Italienerin mittleren Alters. Dunkelhaarig, stets geschmackvoll gekleidet, bedient sie die Gäste gemeinsam mit ihren Angestellten. Im Sonnenlicht glitzert der Schmuck, der, kundig gewählt, ihre Kleidung ergänzt.

Ich gebe rasch unsere Bestellung auf, ohne dafür in die Karte zu gucken. Weil ich für gewöhnlich, bei schönem Wetter im Sommer, immer das gleiche bestelle: kalten Kaffee mit Eiswürfeln, Vanilleeis und Sahne. Hier heißt das «Eiskaffee», ist aber was ganz anderes als der Eiskaffee“ in Moskau. Dort ist das eine Kugel Vanilleeis, die man in heißen Kaffee legt – du kannst da zusehen, wie diese Kugel deinen schwarzen heißen Kaffee allmählich in warmen Kaffee mit Milch verwandelt.

Lustigerweise bereiten die Italiener — ihnen gehören hierzulande in aller Regel die Eisdielen — diese Art kalten Eiskaffee nur in Deutschland; in Italien selbst ist dieses Getränk praktisch nirgendwo anzutreffen.

Meine ältere Tochter bestellt sich eine Eisschokolade: kalter Kakao mit Eiswürfeln, Vanilleeis und ohne Sahne. Mit Sahne findet sie das Getränk zu fett und sattmachend.

Die Jüngere bittet, ob sie eine Erwachsenen-Portion «Spaghetti-Eis» bekommen darf: Vanilleeis, durch ein Gerät in Nudelform gepresst, übergossen mit einer Erdbeersoße. Das Ganze sieht aus wie ein Teller Spaghetti mit Tomatensoße.

Unbemerkt von der Jüngeren wechsle ich einen Blick mit ihrer Schwester Katharina: uns ist klar, dass sie das nicht alles schaffen wird und jemand diese Portion wird aufessen müssen — was uns nicht lieb ist.

Die Jüngere zu überreden versuchen, eine Kinder-Portion mit einem «Überraschungs-Ei» zu nehmen, möchte ich aber auch nicht, aus Furcht, durch einen Disput die entspannte mediterrane Stimmung und die Atmosphäre, von der die Luft erfüllt ist, zu zerstören.

In dem Wissen, dass ein Teil der Portion auf dem Teller bleiben wird, erlaube ich ihr, die Bestellung zu machen. Bestellen, das mag sie gerne selber; sie tippt dann mit ihrem Fingerchen auf die Karte und heftet den Blick auf die freundlich lächelnde Kellnerin.

Ciao, bella.

Aus meinem Rucksack krame ich einen Kugelschreiber und einen langen Quittungszettel aus dem Supermarkt hervor; und mit fliegendem Stift notiere ich die Zeilen eines Gedichts, die mir im Kopf kreisen.

Dann, während ich meinen Eiscafé trinke, versuche ich, das Entstandene ein wenig in Form zu bringen.

Der Herbst

Mit durchsichtigem Flügel, fein und zart

Hat er, mit zärtlichem Seufzer,

Alles gestreift

Und goldenen Puder verstreut.

Hat Gras, Bäume, Blätter bestäubt

Und den Feldern einen Luftkuss gesandt.

Den Sonnenstrahl vergaß er in der azurblauen Spinnwebe

Und ist allmählich Sieger geblieben.

Aus dem Himmel tönt der Abschiedsruf

Derer, die sich kampflos ergeben haben.

Ich lese es meiner Tochter Katharina vor.

«Wie schön das klingt!» sagt sie.

Kapitel 2

Januar 2020

Deutschland, Ludwigsburg, Rathaus


Traut euch, unpopulär zu sein. Ihr müsst nicht jeden Moment liebe Mädchen sein.

Caroline Link, Filmregisseurin

Ein Treffen der Vertreterinnen von Organisationen, Vereinen und sozialen Einrichtungen für Frauenfragen, zur Vorbereitung von Veranstaltungen rund um den Internationalen Frauentag am 8. März.

Das Fotoshooting für Frauen unter dem Motto «Ich bin eine Blume», das ich beim vorigen Treffen vorgeschlagen habe, fällt unter den Veranstaltungen, die die Stadt im Laufe der zurückliegenden Jahre durchgeführt hat, aus der Reihe. Und ich begreife auch, warum.

Was haben die anderen denn vorgeschlagen? Ich blättere in meinem Notizblock, wo die Veranstaltungen der anderen Organisationen eingetragen sind, damit es keine zeitlichen Überschneidungen gibt.

Montag, 2. März, bis Freitag, 13. März: Ausstellung «Machen Sie mehr aus Ihrem Minijob», ausgerichtet von der Agentur für Arbeit.

Mittwoch, 4. März, 15–17 Uhr: «Mobbing».

Mittwoch, 4. März, 18–20 Uhr: Rentenberatung.

Mittwoch, 4. März, 18–20 Uhr: Workshop «Mut zum Nein».

Diese Veranstaltungen sind getragen von Untergliederungen der katholischen Kirche. Zweifellos, es sind lauter wichtige und aktuelle Themen, nichts dagegen zu sagen. Man muss das unter den russischen Frauengruppen bekannt machen …

Was gibt es außerdem?

Mittwoch, 4. März, 19 Uhr: Podiumsdiskussion: «Wohnungsnot — kreative Ideen, politische Forderungen»

Ich muss an meine Freundin Karin denken, die nun schon seit mehreren Jahren auf der Suche nach einer preiswerteren Mietwohnung ist. Sie hat drei Kinder … Angestellt ist sie bei einem Ministerium. Eine Deutsche. Vor ein paar Jahren hat sie, beunruhigt um das Wohl ihrer Kinder und ihr eigenes, ihrem Ehemann den Laufpass gegeben, der zunehmend aggressiv geworden war. Albert zog aus, und Karin blieb in dem Haus, das fast so viel an Miete kostet, wie sie im Monat verdient. Und jetzt hat sie keine Aussichten, etwas anderes zu finden; ebenso wenig Aussichten wie Tausende von schlecht Deutsch sprechenden Zuwanderern mit ihren Kindern.

«Wir möchten die Wohnung einer Familie mit zwei berufstätigen Erwachsenen geben», bekam sie von einer Vermieterin zu hören. — «Wir suchen Mieter ohne Kinder.» –«Zu vermieten: Dreizimmerwohnung für eine Einzelperson oder ein kinderloses Paar.» So etwa lauten die Wohnungsangebote in der Regionalzeitung.

Zu jener Podiumsdiskussion erwartet man den Sozialbürge

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